AMITY - Die Geschichte eines Familienhundes


Es wäre schön, wenn sich der eine oder andere Besucher dieser Seite ein paar Minuten Zeit für diese Geschichte nehmen würde.


Liebe Amity,

indem ich auf dieser Seite über dein und mein Leben erzähle, möchte ich mich bei dir für vieles entschuldigen, das ich dir auf Grund äußerer Zwänge nicht ersparen durfte, und für noch viel mehr bedanken, das du mir dein Leben lang geschenkt hast und noch schenkst.

Danke für 15 Jahre ehrliches Glück

Silke


 

Amity, die kleine schwarze Staffordshire-Bullterrier-Hündin, stammte aus einer Schweizer Zucht. Silke brachte sie damals mit nach Deutschland, nicht ahnend, wie vor allem Unwissenheit über und unbegründete Angst vor einer Hunderasse, die oft mit dem in die Schlagzeilen geratenen so genannten Kampfhunden verwechselt wird, ihrer Amy das Leben schwer machen würden.

Wer Silke fragt, warum sie sich für diesen kleinen, kernigen Terrier entschieden hat, bekommt eine spontane Antwort: „Der Hund ist klein, kompakt, robust - eben quadratisch, praktisch gut und unglaublich charmant. Aber mal ehrlich. Warum, ist ein Mensch ein Terrier-Mensch, ein Schäferhund-Mensch oder ein Retriever-Mensch? Bei mir war es einfach Liebe auf den ersten Blick. Wenn ich diese kleinen schwarzen, so unglaublich sozialverträglichen, souveränen und klugen Hunde sehe, dann geht mir das Herz auf. Und Amity hat mich nie enttäuscht. Sie hat mir viele Jahre bedingungslos Glück gebracht."

1991 lernte Silke Amys Mutter Mäusi in der Schweiz kennen. „Ich war mit einem Pferd im Gelände unterwegs, als plötzlich im Wald wie aus dem Nichts diese Hündin vor mir stand. In einigem Abstand folgte ihre Besitzerin, Cornelia Bergundthal, - ebenfalls zu Pferd. Wir stiegen ab, um uns zu unterhalten, und ehe ich mich versah, hatte ich Mäusi auf dem Schoß. Da war es um mich auch schon geschehen. Cornelia Bergundthal hatte sich entschlossen, mit Mäusi eine Zucht aufzubauen.

„Als die kleine Hündin 1992 ihren ersten Wurf auf die Welt brachte, hatten wir verabredet, dass ich die erste Hündin aus diesem Wurf bekommen sollte". Berichtet Silke. Amity war von Anfang an Silkes ständige Begleiterin. Ob auf dem Weg zum Bäcker oder zur Arbeit in der Straßenbahn: Ami war immer mit dabei. „Wenn wir in den Bus stiegen, hieß es immer erst, Grüezi, Amity", erst dann galt der Gruß auch mir. Amy durfte sogar auf dem Schoß des Fahrers mitfahren." Amitys Name wurde für die beiden zum Programm - zur großen Freundschaft.

Als Silke 1994 mit Amity nach Deutschland zurückkehrte, bekam sie schon bald die ersten Vorbehalte zu spüren: Warum denn so einer? war eine häufig gestellte Frage. Unterschwellige Bemerkungen, die Silke ärgerten, über die sie anfangs aber noch hinweg hörte, schwangen in vielen Gesprächen mit.

Im Jahr 2000 in Hamburg geschah das schreckliche Unglück, bei dem ein kleiner Junge von einem so genannten Kampfhund angegriffen und getötet worden war. Damals schossen sich die Medien auf „Kampfhunde" ein. „Ich hatte das Gefühl, dass man mir etwas wegnehmen will. Die Menschen, denen wir viele Jahre lang auf der Straße begegnet waren, selbst die, die Amy gut kannten, machten plötzlich einen Bogen um uns. Kindergarteneltern schickten plötzlich ihre Kinder nicht mehr zum Spielen. Mein Sohn kam weinend nach Hause und klagte: „Mama, wieso sagen die, wir haben einen Kampfhund. Amy kämpft doch gar nicht." Nein, Amy kämpft nicht. Im Gegenteil. Als Silkes junge Familie sich um Wesley vergrößerte, übernahm sie zuverlässig Aufgaben. „Dass Wesleys Fläschchen nachts schon immer vorbereitet war, bevor der Junge weinte, war Amys Verdienst. Zuverlässig machte sie mich wach, kurz bevor Wesley aufwachte." Sie war Spielkameradin, Tröster und Vertraute für Silkes Kinder Wesley und Louisa. Amity hat niemals gestresst auf die Familie reagiert. Sie war immer ausgeglichen und unempfindlich. Ein wesentliches Merkmal dieser Rasse.

"Amy hatte mich bis dahin immer begleitet. Doch nun veränderte sich ihr Leben", erzählt Silke. In der Schweiz hatte die kleine Staffordshire Bullterrier-Hündin die Begleithundeprüfungen nach schweizer Vorgaben absolviert. Das wollten die deutschen Behörden, die die Staffordshire Bullterrier auf Platz vier der umstrittenen Anlage-Liste der Landeshundeverordnung gesetzt hatten, nur bedingt anerkennen. Und so musste der erprobte Familienhund mit acht Jahren einen Wesenstest absolvieren, von dem Silke sagt: „Der bringt jeden Hund an den Rand seiner Selbstbeherrschung, denn er ist zum Teil regelrecht unfair." Amy bestand diese Prüfung mit Bravour.
„Ich habe versucht, für Amity und ihre Rassegenossen zu kämpfen. Ich habe Zettel verteilt, wollte über die Rasse und ihre Geschichte aufklären: Ich bin ein Staffordshire Bullterrier, ein Familienhund, kein Kampfhund, stand auf den Zetteln." Geholfen hat es nichts. „Was damals passierte, hatte etwas von Rassismus. Hund und Halter wurden in eine Schublade gesteckt, in die viele nicht gehören. Doch gegen die Intoleranz der Menschen kommt man nicht an. Jeder Hund darf auf Provokationen von Artgenossen durch Knurren oder Bellen reagieren. Nur mein Staffordshire Bullterrier darf das nicht. Dieser Hund darf nicht mehr Hund sein, weil die Menschen gleich hysterisch werden", erklärt Silke Klose. Und so hat sie der freilauf-gewöhnten Amy die Stadtgänge mit Leinenzwang erspart. Von nun an konnte ihre kleine, treue Begleiterin Silke nicht mehr überall hin begleiten. Daher rät sie jedem, der mit dem Gedanken spielt, sich einen Staffordshire Bullterrier anzuschaffen, davon ab. „Ich tue das der Rasse zuliebe. Die Einschränkungen, die ihr hier auferlegt und zugemutet werden, hat sie einfach nicht verdient. Manchmal schaue ich meine Amity an und denke: Gut, dass du das alles nicht mitgekriegt hast."

In der Schweiz stieß Silke mit dieser Meinung lange auf Unverständnis. Cornelia Bergundthal hatte mit den Jahren mit großem Verantwortungsbewusstsein eine Zucht aufgebaut ( www.but-charming-ruffians.ch). Doch auch sie kam, so ist es ihrer Web-Site zu entnehmen, nachdem die Landeshundegesetzte in Deutschland in Kraft getreten waren, zu der Einsicht: „Ich verkaufe keine Hunde nach Deutschland." Seit 2005 haben auch die Eidgenossen ihre Gesetze geändert. Nun beginnt für Cornelia und die Schweizer Freunde der kleinen Rasse der gleiche Kampf, wie ihn Silke in Deutschland schon seit sechs Jahren erlebt.

Weil Amity seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit mit Argwohn zu kämpfen hatte, suchte Silke nach einem Weg, ihrer Hündin einen Platz zu geben, wo sie Hund sein durfte. Aus diesem Grund entschloss sie sich, Hund und Kult Ahlen e.V. aus der Taufe zu heben. Auf dem vereinseigenen Trainingsplatz hatte Amity Gelegenheit, sich artgerecht auszuleben, gemeinsam mit vielen Hunden ganz unterschiedlicher Rassen und mit ganz verschiedenen Charakteren. Und mehr noch: Die starke und gut sozialisierte Hündin unterstützte Silke bei ihrer Trainertätigkeit. Sie diente als Beispiel, oder sie übernahm die Rolle der Rudelchefin, die hin und wieder rebellische Junghunde auch schon mal einnordete - immer mit der gebotenen Intensität. Auch auf dem Platz gab es zunächst so manchen Schüler, der offen oder hinter vorgehaltener Hand, bemerkte: Das ist ja ein Kampfhund. Eine Schülerin erzählte später: "Erst als ich Amity näher kennen gelernt hatte, bemerkte ich, wie sehr ich mich durch die Medien damals hatte beeinflussen lassen. Ich fühlte mich regelrecht durch die Medien vergewaltigt, denn ich hatte Vorurteile aus Unwissenheit übernommen."

Gegen diese Vorurteile musste Amity in den vergangenen sechs Jahren unentwegt ankämpfen. Doch ebenso wie sie ihre Prüfungen mit Bravour bestanden hatten, verstand sie es auch diese Aufgabe zu lösen. Durch ihre offene, soziale und ungemein ehrliche Art gewann sie spielend die Herzen derer, die bereit waren, ihr über alle Vorurteile hinweg eine Chance zu geben. Auf diese Weise leistete sie die beste Überzeugungsarbeit in eigener Sache und erreichte wohl viel mehr, als es jede Flugblattaktion jemals geschafft hätte.

 

Zur Geschichte des Staffordshire-Bullterriers:

Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden in England, wie auch auf dem europäischen Kontinent bulldogartige Hunde für die Jagd auf wehrhaftes Wild. Schon seit damals allerdings muss sich diese als Jagd-, Wach- und Familienhund vorgesehene Rasse auch mit einem verdorbenen Ruf auseinander setzten. Denn leider wurden diese Hunde nicht nur für die Jagd, sondern von verantwortungslosen Haltern auch für Tierkämpfe eingesetzt. Dieser barbarische Sport - so ist es der Homepage des Staffordshire-Bullterrier-Clubs zu entnehmen - wurde auch in Deutschland betrieben, was teilweise auch bei der Entstehungsgeschichte des Boxers dokumentiert wurde. Als in England das so gennannte bullbaiting verboten wurde, wurden in diese Hundeschläge kleine Terrierrassen eingekreuzt. Es waren damals wie heute die typischen Familienhunde der englischen Arbeiterklasse.

Der Vorfahre des Staffordshire Bullterriers war geboren. Seine Aufgabe war in erster Linie die Vernichtung von Schädlingen (Ratten), ähnlich wie in Deutschland die Pinscher und Zwergschnauzer in den Pferdestallungen. Auf Grund der Wohnsituation in England mit den Großfamilien in den typischen Reihenhäusern, mussten diese Hunde eine hohe soziale Verträglichkeit aufweisen. Damals wie heute waren und sind sich frei bewegende Staffordshire Bullterrier vom dortigen Straßenbild nicht wegzudenken.

1835 wurden Tierkämpfe gänzlich in England verboten, zu dieser Zeit gab es in Deutschland weder ein Tierschutzgesetz noch ein Verbot von Tierkämpfen. Allerdings hatte das Verbot zur Folge, dass das Interesse an der Rasse schwand, der Staffordshire Bullterrier nahezu vom Aussterben bedroht war.

Erst im Jahr 1935 fand sich im Norden Englands ein Kreis von Liebhabern, die sich der Rasse erneut widmeten. Gerade die Eigenschaften dieser Hunde, zum einen vom äußeren Erscheinungsbild (klein, kräftig, kurzhaarig), zum anderen vom Wesen (besonders das Verhalten gegenüber Menschen, Kinderfreundlichkeit, Genügsamkeit und Nervenstärke) machten ihn bis heute mit ca. 500.000 Exemplaren zum Familienhund Nummer eins in England. 1935 wurde der Staffordshire Bullterrier offiziell in England vom Kennel Club als eigenständiger Rassehund anerkannt. Schon damals war das offiziell beschriebene Zuchtziel besondere Kinderfreundlichkeit. In England und unseren Nachbarländern gibt es Hunderte von Geschichten, die ihn gerade als Freund der kleinsten Familienmitglieder besonders hervorheben, deshalb trägt er auch den Spitznamen „Babysitter Dog". Derzeit ist der Staffordshire Bullterrier wegen seines ausgeglichenen Wesens nachweislich einer der meist verwendeten Therapiehunde in England.

Erziehung: Der Staffordshire Bullterrier wird in Lexika als ein verlässlicher, kluger, anhänglicher und recht gehorsamer Hund beschrieben. Seine Grundeinstellung ist positiv und fröhlich. Er hat viel Selbstvertrauen. Er ist mutig und hart gegen sich selbst. Die Hunde gelten als aktiv und verspielt. Ihre Begeisterung kann manchmal in Ungestüm ausarten. Der Staffordshire-Bullterrier ist sehr intelligent und lernt schnell. Hier ist eine konsequente, liebevolle Erziehung mit viel Abwechslung angebracht, lautet die Meinung der Kenner dieser Hunde. Dabei sollte besonderer Wert auf die Sozialisierung gelegt werden: das wirkt sich positiv auf die Charakterbildung aus.



 15 Jahre ehrliches Glück - Danke für diese wertvolle Zeit

Heute vor genau 15 Jahren habe ich Amity nach Hause geholt. Einen acht Wochen alten, lebenslustigen Hund, der die Welt entdecken wollte und sie entdeckt hat. Ich habe auf unserer Internetseite erzählt, was dieser Hund mir bedeutet und was wir alles er- und durchleben durften. Wie ihr Name „Amity" schon sagt: Es ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Unwiderruflich. Bedingungslos.

Heute haben wir sie von dieser Welt gehen lassen. Unsagbar schöne Jahre durften wir hier verbringen, und ich freue mich jetzt schon auf ein Wiedersehen. Ich möchte Coni danken, dass sie es mit ermöglicht hat, diese Rasse kennen zu lernen. Ein wenig traurig stimmt mich, dass es wegen der Gesetzgebung aus dem Jahr 2000 für mich keinen Staff mehr geben wird. Sie haben es nicht verdient, dass man sie „vermixt" oder als gentechnisch veränderten Labi bezeichnen muss, um sie halten zu dürfen. Ich hatte das Glück, eine wundervolle Hündin 15 Jahre lang an meiner Seite zu haben, sie begleiten zu dürfen und von ihr begleitet zu werden. Danke für diese wertvolle Zeit. Ein großes Stück von ihr bleibt hier. Ein großes Stück von mir geht mit ihr. Gesetzgebung hin oder her. Eines haben Amity und ich hier erreicht:

Alle Menschen und Hunde, die mich durch Amity oder Amity durch mich kennen gelernt haben - und das waren wirklich nicht wenige - haben ein gutes Bild dieser Rasse kennen gelernt. So, wie sie es verdient hat. Darauf sind wir stolz, und wir sagen Dank und schön, dass es Euch gibt.

Ahlen, 7.11.2007


Am 7. November 2007 vollendete sich Amitys Lebenskreislauf. Silke schenkte ihrer Freundin, die unheilbar erkrankt war, einen würdevollen Tod. Sie starb zu Hause und in den Armen der Menschen, die sie liebte.


Der zerbrechliche Kreislauf (Suzanne Clothier)